Framing Collective Action – Land

Mit Filmen von Colectivo Los Ingrávidos, Eulàlia Rovira & Adrian Schindler, Forensic Architecture, Sistren Theatre Collective

Kuratiert von Enar de Dios Rodríguez und Olena Newkryta

Die Screening-Reihe „Framing Collective Action“ richtet den Blick auf künstlerische und dokumentarische Filme, die in kollektiven Strukturen entstanden sind. Durch die Verknüpfung von historischen und aktuellen Filmbeispielen spürt die Reihe den Potenzialen des kollektiven Filmschaffens und einer vielstimmigen Ästhetik nach. Dabei nehmen die Filmprogramme jeweils einen räumlichen Kontext in den Fokus (Haus, Straße, Land) und fragen danach, was kollektives Filmemachen politisch und gesellschaftlich leisten kann – vor und hinter der Kamera, innerhalb wie außerhalb des Filmkaders.

Menschengeformte Landschaften sind oft Spiegelbilder gesellschaftlicher Sehnsüchte – nach Privatsphäre und Ruhe, aber auch nach Ressourcen und Kontrolle. In den vier Filmen, die dieses Programm bilden, werden verschiedene Formen der Landnutzung erforscht. Dabei offenbart sich, dass anthropozentrische Umweltveränderungen zutiefst mit sozialen, politischen und historischen Fragen verbunden sind. Im letzten Teil dieser Serie, der den Titel „Land“ trägt, werden in den kollektiv produzierten Filmen unterschiedliche filmische Strategien zur Auseinandersetzung mit immerwährenden Themen wie Umweltrassismus, Arbeiterinnenkämpfen, den Spuren des Kolonialismus und indigenem Wissen entwickelt. Die mit dieser Filmauswahl angetretene Reise führt von den Zuckerrohrfeldern Jamaikas über Grabstätten in den USA, die heute als Petrochemie-Anlagen dienen, bis hin zu gestohlener Flora und Fauna, die in Spanien ausgesetzt werden, und den noch bestehenden schwimmenden Gärten der Azteken in Mexiko.

■  Forensic Architecture: If toxic air is a monument to slavery, how do we take it down
2021, 35 min.

Als die Sklaverei 1865 in den Vereinigten Staaten abgeschafft wurde, säumten mehr als fünfhundert Zuckerrohrplantagen beide Seiten des unteren Mississippi. Heute befinden sich auf mehr als zweihundert dieser ehemaligen Plantagen einige der umweltschädlichsten petrochemischen Anlagen der Vereinigten Staaten. An diese Industrien grenzen mehrheitlich schwarze Gemeinden, deren Bewohner*innen, aufgrund der vergifteten Luft, überdurchschnittlich häufig von Krebserkrankungen betroffen sind. Sie nennen dieses Gebiet „Death Alley“. Mithilfe neuer technologischer Methoden in den Bereichen der Kartografie und Strömungsdynamik stellt der Film von Forensic Architecture eindrücklich dar, dass jene Umweltzerstörungen sowie gesundheitliche Schäden als direkte Folgen von Kolonialismus und Sklaverei verstanden werden müssen.

 ■ Eulàlia Rovira & Adrian Schindler: La plaga, el provecho
2022, 5 min.

„La plaga, el provecho“ von Eulàlia Rovira & Adrian Schindler verfolgt die Zusammenhänge von kolonialem Extraktivismus, Verdrängung von Tierarten, barocker Malerei sowie dem Aufstieg und Fall des Spanischen Reiches. Aufgebaut als eine schwindelerregende Abfolge von Makrofotografien, verursacht das Video eine Verwandlung der Formen und eine Verschränkung der Bilder, was halluzinatorische Visionen hervorruft. Der Text, gesprochen von einer fernen, erschöpften Frauenstimme, erinnert an die letzten Drehungen eines Motors, der zwar abgestellt wurde, sich aber aus Trägheit weiterdreht. Indem die Kamera bis auf wenige Zentimeter an die Bewegungen empfindlicher Materie, die Spuren von Warenhandel, die Abnutzungen einer Farbe und die Hände derer, die sich um das verdrängte Insekt kümmern, heranführt, stellt es die Frage, ob eine kurzsichtige Perspektive ein Gegenbild zu den dominanten Erzählungen erzeugen kann.

■ Sistren Theatre Collective: Sweet Sugar Rage
1989, 56 min.

In „Sweet Sugar Rage“ dokumentiert das populäre jamaikanische Frauenensemble Sistren Theatre Collective, wie sie Improvisation und Theater als Werkzeuge zur Bewusstseinsbildung sowohl für das ländliche als auch das urbane Publikum nutzen. Ihre Aufführungen adressieren direkt die Alltagserfahrungen von Arbeiterinnen – jener prekären Arbeitskraft, die Überstunden für niedrige Löhne schuftet, ohne Sozialleistungen oder das Recht, sich für bessere Bedingungen zu organisieren. Mittels Rollenspiel und Interviews mit Zuckerrohrarbeiterinnen entwickelt das Kollektiv Stücke, die gesellschaftliche Missstände analysieren und dabei ihre Anliegen formulieren.

■ Colectivo Los Ingrávidos: Chinampas / The Floating Gardens
2023, 6 min.

„Chinampas / The Floating Gardens“ von Colectivo Los Ingrávidos ist eine audiovisuelle Hommage an die Chinampas – schwimmende Gärten, ein uraltes Anbausystem. Durch ihre künstlerisch unverwechselbare Verbindung von kinetischem Schnitt und vielschichtigen Texturen lässt das Colectivo Los Ingrávidos die historische Agrarlandschaft von Xochimilco als ein pulsierendes, feierliches Experiment in Erscheinung treten.