VANISHING POINTS

Die Screening-Reihe widmet sich Fragen der Sichtbarkeit, des Sehens, der Wahrnehmung und ihren ästhetischen Dimensionen. Was bedeutet es, das Sehen zu dekonstruieren, und was könnte in diesem Prozess sichtbar werden? Wie nehmen wir die Welt um uns herum ohne Sehsinn wahr und wie treten wir mit ihr in Beziehung? Wie prägen Architektur und unterschiedliche Perspektiven unseren Blick, unsere Selbstwahrnehmung und unser Verständnis der Welt?

Vanishing Points wurde auf Einladung von Amirali Ghasemi eigens für das Limited Access Festival (2014) in Teheran kuratiert und versammelte zu dem Zeitpunkt Arbeiten einer jüngeren Generation von in Österreich lebenden Künstler*innen.

■ KÜNSTLERINNEN:
Josephine Ahnelt, Nathalie Koger, Jennifer Mattes, Simona Obholzer, Christiana Perschon, Liddy Scheffknecht und Katharina Swoboda

■ ORGANISIERT VON:
Die ursprüngliche Veranstaltung wurde von Nathalie Koger und Marlies Pöschl kuratiert und organisiert.

19:00–19:01 Uhr – Whiteout von Liddy Scheffknecht
19:02–19:08 Uhr – 6:00 a.m. – 8:00 a.m. von Simona Obholzer
19:09–19:13 Uhr – Internalized Image von Nathalie Koger
19:14–19:17 Uhr – Tic Tac von Josephine Ahnelt
19:18–19:47 Uhr – Noema von Christiana Perschon
19:48–19:58 Uhr – M.ANY von Jennifer Mattes
19:59–20:03 Uhr – Untitled (Flying Trees) von Katharina Swoboda

 

Whiteout
Liddy Scheffknecht
2008, 01:26 Min.

Whiteout ist der Produktname einer weißen Korrekturflüssigkeit (dt. Tipp-Ex). Mithilfe der weißen Farbe werden Buchstaben zum Verschwinden gebracht. Das Video Whiteout von Liddy Scheffknecht zeigt einen Skirennlauf, in dem das Subjekt gelöscht wurde: Der Protagonist, ein Skirennläufer, wurde digital wegretuschiert.

Als Whiteout wird auch ein meteorologisches Phänomen bezeichnet, das beim Zusammentreffen von dichtem Nebel und schneebedeckter Landschaft auftreten kann. Himmel und Erde verschmelzen, der Horizont verschwindet aufgrund des diffusen Lichts. Geringe Kontraste, fehlende Schatten und eine verminderte Tiefenwahrnehmung können zu Orientierungslosigkeit führen.

Im Video Whiteout ist es die Kamera, die die Orientierung verloren zu haben scheint und vermeintlich ziellos den Berg hinunterrast.

Liddy Scheffknecht ist bildende Künstlerin, sie lebt und arbeitet in Wien. In fotografischen Sequenzen, Videos, Installationen, Licht- und Schattenprojektionen untersucht sie das Verhältnis von Zeitlichkeit und Wahrnehmung und erzeugt und bricht damit gleichermaßen Illusionen.

 

6:00-8:00
Simona Obholzer
2012, 5:32 Min.

Die tonlose Videoarbeit 6:00-8:00 von Simona Obholzer zeigt ein Schwimmbecken, dessen Apparatur zu jeder vollen Stunde zehn Minuten lang gleichförmige Wellen produziert – die Unberechenbarkeit des flüssigen Elements ist in kalkulierte und damit kalkulierbare Form gebracht. Verschiedene Einstellungen, die zwischen 6:00 und 8:00 Uhr morgens aufgenommen wurden, tasten die Begrenzung des in Wellenbewegung versetzten Wassers ab. Beckenrand und Bildrahmen interagieren und erforschen das Zusammenspiel von Konstruktion und Bewegung, Konstrukt und Rhythmus. Das Fehlen der Badegäste verweist auf die Aufnahmezeit des Videos–außerhalb der Öffnungszeiten des Schwimmbads. Die Abwesenheit der Adressat*innen und Konsument*innen des maschinell imitierten Spektakels rückt die Frage nach der Erwartungshaltung des Publikums und dem Reiz des Angebots erst recht ins Zentrum. Welche Konsequenzen hat das Versprechen der Freizeitanlage, Verausgabung und Unbekümmertheit kombinierbar zu machen? Welche Effekte bringt das Rahmen des Unberechenbaren hervor?

Simona Obholzer ist bildende Künstlerin und Filmemacherin und lebt und arbeitet in Wien. In Bewegtbildarbeiten, seriellen Grafiken und Installationen untersucht sie das Verhältnis von Bild, Körper, Raum und Blick sowie das Zusammenspiel visueller Wahrnehmung und sinnlicher Erfahrung.

 

Internalized Image
Nathalie Koger
2014, 03:39 Min.

Das Video zeigt einen angehenden Muezzin beim Rezitieren des islamischen Gebetsrufs (Adhan). Ausgangspunkt war eine Begegnung von Nathalie Koger mit seinem Lehrer während eines Artist-in-Residence-Programms in Yogyakarta und ihre anschließende Einladung an diesen, ein Filmstudio zu besuchen. Da die Künstlerin bislang den Gebetsruf nur auditiv kannte, entstand nach dem Zusammentreffen der Wunsch, die Person hinter den Gebetsrufen kennenzulernen und den Adhan in seiner stimmlichen und körperlichen Ausführung zu erfahren. Die Begegnung mit dem Studenten und die eindringliche Intensität seines Vortrags werden zu prägenden Momenten der Situation.

Nathalie Koger ist bildende Künstlerin, Filmemacherin und Forscherin und lebt und arbeitet in Wien. In Filmen, Installationen und kollaborativen Projekten untersucht sie das Filmemachen als soziale Praxis. Dabei setzt sie offene Dramaturgien und partizipative Ansätze ein, um Bilder, Perspektiven und kollektive Prozesse zu erforschen.

 

Tic Tac
Josephine Ahnelt
2011, 02:38 Min.

Tic Tac von Josephine Ahnelt bezeichnet im Parkour einen Zickzack-Sprung, bei dem sich Läuferinnen von einer Oberfläche abstoßen, um Hindernisse zu überwinden oder enge Zwischenräume zwischen Gebäuden zu durchqueren. Von dieser gleichnamigen Technik ist in der Arbeit der Filmemacherin Josephine Ahnelt jedoch nur wenig zu sehen: Die eigentliche Bewegung findet in den Gesichtern der Protagonistinnen statt. (Auszug aus einem Text von Angelika Unterholzner für sixpackfilm.)

Josephine Ahnelt ist eine Filmemacherin aus Wien und Gründungsmitglied der filmkoop wien. Ihre Arbeiten entstehen vorwiegend auf Super-8- und 16-mm-Film und werden international gezeigt.

 

Noema
Christiana Perschon
2014, 28:46 Min.

Die 93 Jahre alte Malerin Tatjana Gamerith, die Protagonistin in Noema verliert langsam ihr Augenlicht. Ihre Linienführung verläuft nun intuitiv und mehr aus der routinierten Hand als über das Sehen, da sie ihren Blick nicht mehr auf einen Punkt konzentrieren kann. Blicke werden zu Berührungspunkten, wenn die Kamera Gesten der Malerin einfängt. Lichtritzen, die Tageszeit filtern, begleiten Gedankengänge und lassen die Brüchigkeit von Realität und Zeit spürbar werden. Noema spielt mit Wirklichkeitsvorstellungen und markiert Sinneseindrücke. Grenzen des Abbildbaren und des Imaginären werden dabei unscharf gezeichnet und verschwimmen.

Christiana Perschon ist Filmemacherin und bildende Künstlerin und lebt in Wien. In ihrer künstlerischen Praxis verbindet sie dokumentarische und performative Methoden jenseits vorherrschender Repräsentationsnormen und Sehgewohnheiten.

 

M.ANY
Jennifer Mattes
2009, 8:23 Min.

Jennifer Mattes arbeitet mit Found-Footage-Material vor allem aus Social Media und gewährt uns Zugang zu privaten Räumen unbekannter Amateurfilmer*innen. Bilder von ganz gewöhnlichen Wohnungen, die von ihren Bewohner*innen im Internet hochgeladen wurden, bilden das Material dieses Films. Menschen öffnen die Tür zu ihrem Zuhause, sie gewähren uns einen Einblick in ihre privaten, intimen Räume – und ihre Wohnungen beginnen, etwas über sie zu erzählen. Aufnahmen verschiedener Wohnungen werden kombiniert und miteinander verwoben, um ein alptraumhaftes Labyrinth zu erschaffen, das durch einen atmosphärischen Soundtrack zusammengehalten wird, der es uns ermöglicht, verschiedene Erzählfragmente auf diese Räume zu projizieren. Das Internet wird zu einem theatralischen Raum, einer Bühne für Performance und Selbstdarstellung. Beobachter*innen werden zu Beobachteten, Zuschauer*innen zu Stalkern. M.ANY beschäftigt sich mit den Zwischenräumen von Privatem und Öffentlichem, Subjekt und Objekt, Innen und Außen.

Jennifer Mattes (*1982 in Stuttgart) lebt als Filmemacherin, Videokünstlerin, Malerin und Bühnenbildnerin. 2022 gründete sie gemeinsam mit den Schauspielerinnen Ina Jaich und Zeynep Alan den Theaterverein zij, wofür sie künstlerische Formate mit Bewegtbild konzipiert.

 

Untitled (Flying Trees)
Katharina Swoboda
2013, 03:24 Min.

Die Arbeit Ohne Titel (Fliegende Bäume) von Katharina Swoboda greift das Phänomen des Transports gefällter Bäume mittels Hubschraubern in Graubünden, Schweiz, auf. Das Video beschränkt sich auf einen minimalistisch gewählten Ausschnitt des Himmels, der wiederholt von einem Hubschrauber mit einem Baum durchquert wird. Diese Art des Baumtransports ist in den Bergen nicht ungewöhnlich, jedoch sehr kostspielig und wird daher nur selten eingesetzt.

Vor dem Hintergrund der sich verschärfenden Klimakatastrophe und der wachsenden Notwendigkeit, das Verhältnis der Menschheit zur Welt neu zu überdenken, erhalten die ruhigen, sich wiederholenden Bilder nach mehr als zehn Jahren ihres Entstehens eine ganz neue Dringlichkeit.

Katharina Swoboda ist Künstlerin und künstlerische Forscherin, deren Arbeit sich mit Mensch-Tier-Beziehungen, urbanen Räumen und Formen des Umherstreifens beschäftigt. In ihren filmischen und theoretischen Arbeiten verbindet sie präzise Beobachtung mit poetischen Bildern und einer sensiblen Aufmerksamkeit für das scheinbar Nebensächliche.