TECHNO SCAPES
Filmprogramm
Sechs Videoarbeiten setzen sich mit den ökologischen, infrastrukturellen und materiellen Bedingungen digitaler Bildproduktion auseinander. Ausgehend von Naturbildern fragt „Techno Scapes“ nach den verborgenen Landschaften der Digitalisierung – von Datenzentren über Rohstoffe bis hin zu alten Bahngleisen.
Zu sehen sind Arbeiten von Enar de Dios Rodríguez, Nathalie Koger, Simona Obholzer, Marlies Pöschl, Katharina Swoboda und Lisa Truttmann. Ihre Perspektiven reichen von pflanzlicher Datenspeicherung bis zu tierischen Lebensräumen und erzählen von einer mehr-als-menschlichen Welt, in der sich Technologie, Umwelt und Körper untrennbar verflechten.
■ Enar de Dios Rodríguez: Vestiges (an archipelago)
HD-Video, 16:9, Farbe, Ton, 41 min, AT/ES, 2020
Sand ist neben Luft und Wasser der wichtigste Rohstoff auf unserem Planeten. Er wird für die Herstellung von Glas, also beispielsweise für Fenster, Bildschirme oder Brillen, aber auch für Mikrochips in Computern sowie Smartphones dringend gebraucht, außerdem kommt er in Flugzeugen oder Zahnpasta und sogar in manchen Lebensmitteln zum Einsatz. Am meisten Sand fließt aber in den Bau von Straßen und Häusern. Beton, das mit Abstand beliebteste Baumaterial für Wohnungen und andere Gebäude, besteht zu zwei Dritteln aus Sand, während bloß ein Kilometer Autobahn 30.000 Tonnen davon enthält. Die immer größer werdende Nachfrage ist besonders schlecht für unsere Umwelt und bedroht viele Lebensräume auf der Erde.
Enar de Dios Rodríguez geht in ihrem Video „Vestiges (an archipelago)“ der Bedeutung und der Geschichte der Sandgewinnung auf den Grund. In ihrem Film sehen wir die Erde aus der Vogelperspektive, dadurch wird sichtbar, wie im Lauf der Zeit große Landstriche durch den Abbau von Sand verformt und das Leben von Menschen, Tieren und Pflanzen davon sehr stark verändert wurde. Was bedeutet es, wenn Land an einem Punkt der Erde einfach verschwindet, um daraus an einer anderen Stelle Wohnungen zu bauen?
Credits:
Drehbuch, Regie, Schnitt: Enar de Dios Rodríguez
Voiceover: Mariah Proctor
Soundtrack: Nasa Space Recordings of Earth
■ Katharina Swoboda: Stones
2K Video, Farbe, Ton, 8 min, AT, 2021
Viele Bestandteile der Bauelemente eines Smartphones werden zunächst in Form von Gesteinen mühsam aus der Erde herausgeholt, bevor sie mit thermischen und chemischen Prozessen weiterverarbeitet werden. Einige dieser groben Gesteine, aus denen Elemente wie Palladium, Tantal, Lithium oder Metalle der Seltenen Erden gewonnen werden können, werden im Video gezeigt. Eine Wissenschaftlerin untersucht diese Steine im Mikroskop und mit ihr werfen wir einen abstrahierten Blick auf die „inneren Landschaften“ eines Smartphones. Das Video endet mit einem Experiment – nachdem mit den Gesteinen auf den Anfang der Rohstoffkette der Smartphones verwiesen wurde, thematisiert das Experiment das Ende der Nutzungsdauer des Geräts.
Credits:
Konzept, Regie, Produktion: Katharina Swoboda
Kamera: Sonja Vonderklamm
Sound: Sara Pinheiro
Performerin: Christine Murkovic
Danke an: Kamen Stoyanov, Iris Blauensteiner, Dr. Bernd Moser/Chefkurator Mineralogie Joanneum Graz, Dr. Michael Murkovic/TU Graz
■ Simona Obholzer: Perfect Particles (x kWh)
Kinoversion einer 2-Kanal-Videoinstallation
2K Video, 9:16, Farbe, ohne Ton, 6 min, AT, 2021
Schneefall hinterlässt eine spezielle Art von Landschaft. Es legt sich eine weiße Schicht über alles, sie gibt allem eine neue Oberfläche. Die Schneelandschaft ist eine hoch emotionalisierte Landschaft, die auf vielfältige Weise imitiert wird und hinter der in Zeiten der Klimaerwärmung viel Technik steckt. In „Perfect Particles (x kWh)“ wird computergenerierte Natur herangezogen. Es fällt unaufhörlich Schnee, mal stärker, mal schwächer. Die Hände der Künstlerin strecken sich dem „Natur-Schauspiel“ entgegen, in Erwartung eines zufälligen, flüchtigen Kontakts.
Die Flocken sind jedoch digital generiert, sie haben keinen Ursprung in der materiellen Welt. Die vom so genannten Emitter ausgestoßenen Partikel hinterlassen keine Spuren auf dem Bild, dessen Teil sie geworden sind. Der physische Kontakt bleibt ein gedankliches Experiment.
Für digitalen Schneefall werden von einem Partikelsystem kleinste Teilchen ausgegeben, die hohe Rechnerleistung benötigen. Im Titel der Arbeit weist die Künstlerin auf den Stromverbrauch hin, der durch die Rechenleistung des Computers angefallen ist.
■ Marlies Pöschl: Shadow Library
4K Video, 16:9, Farbe, Ton, 7 min, AT, 2021
In einer nahen Zukunft werden Daten nicht mehr in Datenzentren, sondern in der DNA von Pflanzen gespeichert. Während einer Präsentation des Daten-Gartens von Cyan, einem österreichischen Mobilfunkhersteller, verirrt sich dieser Film durch Zufall eine zweite, unsichtbare „Bibliothek“ – die Shadow Library, die auf einigen der Pflanzen gespeichert ist. Auf diese Weise thematisiert dieses Video, wie die Auswirkungen der global ungleichen Produktionsverhältnisse sich in Pflanzen einschreiben, mit den Pflanzen migrieren und sich somit im kollektiven Gedächtnis verankern.
Der Text im zweiten Teil des Videos basiert auf Gedichten der chinesischen Lyrikerin Zheng Xiaoqiong, die in ihren Texten die Lebens- und Arbeitsbedingungen von chinesischen Wanderarbeiter*innen thematisiert. Der Soundtrack des Films („Fern“ von Mileece) basiert auf Sonifizierung von elektrischen Strömen in Pflanzen.
Credits:
Regie, Drehbuch, Schnitt & Produktion: Marlies Pöschl
Gedichte: Zheng Xiaoqiong 郑小琼《拆》
Regieassistenz: Sophie Averkamp
Kamera: David Rabeder, Marlies Pöschl
Tontechnik und Sounddesign: Simon Rabeder
Kostüm: Sandy Wetcliff Vienna
Übersetzung: Lea Schneider, Martin Winter
Darsteller*innen: Daniela Chen, Xingchen Liu, Haili Luo, Ying Qui-Zhang, Jiayi Steiner, Sissi Qi Wang, Yu Li Ya, Guanpei Zhou
Voiceover: Kun Jing und Eva Mayer
Gefördert von BMKOES und Land Salzburg
■ Lisa Truttmann: Tracks I-III
Kinoversion einer 3-Kanal-Videoinstallation
4K Video, Farbe, Ton, 20 min, AT, 2021
Als „Phantom Rides“ geisterten zu Beginn der Filmgeschichte schnell vorbeiziehende Landschaftsbilder durch die ersten Kinosäle. Waren es zunächst Kameras, die auf Zügen montiert in Höchstgeschwindigkeiten vermeintlich unberührte Gebiete visuell eroberten, so sind es nun auch mobile Funksignale, die unseren technologisierten Blick steuern und Landschaftsräume mit erschließen. „Tracks I-III“ geht auf Spurensuche und verfolgt, fragmentarisch und assoziativ, die ehemalige Teilstrecke der „Ischlerbahn“ zwischen Mondsee und Strobl. In einer digitalen Geisterbahn der Gegenwart durchqueren wir die Landschaft, suchen nach Anhaltspunkten und blicken zugleich nach vor und zurück. Wir fragen danach, wie unsichtbare Funksignale reisen, wie sich diese in bewegten Bildern manifestieren, und warum wir jetzt auf unser Handy schauen und nicht im Kino sitzen.
Credits:
Konzept, Kamera, Schnitt: Lisa Truttmann
Interview mit: Alfred Wiener
Tonaufnahmen: Gerald Roßbacher
Drohnenpilot: Daniel Ausweger
■ Nathalie Koger: The Animals‘ Conference, Revisited
4K Video, Farbe, Ton, 14:36 min, AT/DE, 2021
Sechs Albino-Tiere begegnen uns an verschiedenen Orten in Österreich und Deutschland, darunter Zoos, Wildgehege und eine Tierauffangstation. Sowohl in den Vorstellungen der Jugendlichen als auch in der Fiktion der Videoarbeit erscheinen sie als Geister der Zukunft, die in die Gegenwart reisen. Als Wesen einer zukünftigen Welt, die sich an unsere Gegenwart erinnert, eröffnen sie einen Blick auf das Hier und Jetzt aus der Perspektive zukünftiger Erinnerung.
Credits:
Regie, 2. Kamera, Schnitt, Produktion: Nathalie Koger
Kamera: Mathias Windelberg
Gedicht: Marion von Osten
Übersetzung: Ivana Milos
Stimmen: Louisa Schloßbauer, Eleonora Berger, Guneet Toor, Saranda Azemi, Shivali Shrungarkar
Sounddesign: Sara Pinheiro
Farbkorrektur: Andreas Lautil
Beratung: Konstantin Sautier/Nymphenburger Schulen, Christine Lang
Dank an: Sabine Ofner, Rainer Zöchling, Uwe Ringelhan, Thomas Knauer und Guneet Toor, Sarah Krohnfeld, Clement King, Linus Rieger, Alexander Sentenstein, Magnus Clausing, Moritz Funk, Marina Weiß, Noah Alibaba, Luca Rupp, Nymphenburger Schulen