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Sie schließen Ihre Augen, konzentrieren sich auf meine Stimme. Und meine Stimme wird Sie während dieser Reise in Ihr Inneres begleiten…Ich zähle jetzt rückwärts, von 5 bis 0…
Bei null wird alles klar erscheinen.
Wake Words. Worte, die jemanden oder etwas aus einem Schlaf erwecken, die zurück in die Präsenz, in die „Realität“ rufen. Es könnte aber auch sein, dass diese Worte ganz einfach zur Arbeit rufen, wie beispielsweise die App Alexa, deren Wake Word ihr eigener Name ist. Diese Ausstellung bezieht sich auf die magische Kraft solcher Anrufungen, die in einer Sphäre zwischen Traum und Wachsein agieren. Sie stehen für ein Spannungsfeld zwischen Transparenz und Opazität. Es gibt in diesem (Ausstellungs-)Raum verschiedene Spuren, Ebenen, die zunächst in einer Latenz verbleiben, parallel existieren und mit der Zeit zum Erscheinen gebracht werden.
Ausgangspunkt von Wake Words ist der Begriff „Voice Recognition“, der einerseits auf technologische Systeme der Sprachassistenz und Spracherkennung anspielt, die sich gegenwärtig vielerorts fast unbemerkt in unseren Alltag einschleichen. Andererseits deutet der zweite Teil der Formulierung – Recognition – darauf hin, dass dieses Phänomen bereits ein bestimmtes Konzept von Stimme voraussetzt, die erkannt werden soll. Welche Basis liegt dieser (An-)Erkennung zugrunde? Welche Stimmen werden gehört und welche nicht? In Anlehnung an Édouard Glissants Konzept der Opazität untersucht die Ausstellung, welches Potenzial darin liegen könnte, unerkannt und somit im Bereich der Undurchdringlichkeit zu bleiben.
Inspiriert von widerständigen Strategien, die durch Verschlüsseln und Codieren möglich werden oder sich in Sprachräumen entfalten können, die nicht unmittelbar zugänglich, durchlässig oder interpretierbar, sondern opak sind, widmen sich die ausgestellten Werke über verschiedenste ästhetische, politische und formale Zugänge den Stimmen, die unverständlich bzw. unerkannt bleiben.
Un-Erkennung manifestiert sich auf unterschiedliche Weise. Bei Computertechnologien, die zur Identifikation, Unterscheidung und Authentifizierung von Stimmen Verwendung finden, gibt es gemeinhin vier Parameter, die zur Störung eben dieser Systeme führen. Ein übermäßiges Rauschen kann verhindern, das Stimmsignal eindeutig zu identifizieren. Dann wiederum führt das von der Stimme produzierte Echo zum Versagen des Erkennungssystems. Oder die festgesetzten Parameter werden durch improvisiertes Sprechen durcheinander gebracht. Es kommt auch vor, dass die Maschine selbst aufgrund einer internen Störung nicht mehr gemäß der Programmierung funktioniert. Dementsprechend baut Wake Words thematisch auf folgenden vier Begriffen bzw. Bedingungen auf, die einer „korrekten“ Funktionsweise von Spracherkennungssystemen zuwiderlaufen: Rauschen, Echo, Improvisation und Maschinenfehler.
Ebenen
Wie andere Technologien sind auch Spracherkennungssysteme einer grundlegenden Dualität unterworfen: der Unterteilung der Information in Signal und Rauschen. Und genau auf Basis dieser initialen Unterscheidung entscheiden Programmierer*innen zwischen Relevanz und Irrelevanz eines Tons oder Geräusches. Wenn ein akustisches Signal für einen bestimmten Zweck identifiziert, analysiert und verwendet werden soll, müssen alle anderen von der Analyse ausgeschlossen werden, um die Brauchbarkeit des Signals zu gewährleisten. Im Falle von Spracherkennungssystemen könnte ein Atemgeräusch als ein wiederkehrendes „Rauschen“ jener Stimme klassifiziert werden, die sich der Identifikation entzieht. Die erste Ebene der Ausstellung – Rauschen – zeigt sich als eine poetische Landschaft des Ein- und Ausatmens, in der Körper diesen fundamentalen Akt des Lebens – der auch für das Sprechen so essenziell ist – vollziehen.
Die ausgestellten Arbeiten erweitern zudem das Konzept der Stimme über eine anthropozentrische Sichtweise hinaus, die lediglich auf die stimmlichen Fähigkeiten (die stimmliche Handlungsmacht) des menschlichen Körpers oder die technische Reproduktion menschlicher Äußerungen abstellt. Die akustische Sphäre von nichtmenschlichen Akteur*innen wird vielfach als stimmlos erachtet. Dieses Nicht-Anerkennen von Klängen, produziert von den Lungen, Kehlköpfen und Stimmköpfen aller Lebewesen, verweist eine Vielzahl von Körpern in den Bereich des Unhörbaren oder in den Rang eines reinen Hintergrundgeräusches. Und dennoch, würden wir der bebenden Stimme eines Eisbergs aufmerksam lauschen, könnten wir eine Warnung vernehmen: eine tickende Uhr, die uns signalisiert, dass uns die Zeit davonläuft. Würden wir auf das Kauderwelsch eines Papageien achten, könnten wir die Geschichte seiner Heimatlosigkeit nachvollziehen. Wenn wir uns vorstellen könnten, was Ameisen mit Pheromonen und Berührungen zu erzählen haben, würden wir vielleicht die kritische Stimme eines rhizomatischen Superorganismus hören.
Die technisch generierte Stimme, die vermeintlich nicht in der Lage ist, eigenständige Botschaften zu überbringen, wurde schon in Verbindung mit der mythologischen Nymphe Echo gebracht, die dazu verdammt wurde, alles, was ihr gesagt wurde, zu wiederholen. Wohl nicht zufällig trägt einer der meist verwendeten Smart Speaker, der Spracherkennung und Lautsprecherfunktionen kombiniert, ihren Namen. Sprechmaschinen sind dadurch gekennzeichnet, dass sie sich in einem ständigen Wiederholungsmodus befinden und damit an Prozesse des Probens und der Normierung gekoppelt sind. An welchem Punkt aber gerät Wiederholung zur Transformation? Welche Rolle spielt Wiederholung in den Routinen des täglichen Lebens? Wie lässt sich etwas wiederholen, ohne dass es gehört wird? Die ausgewählten audiovisuellen Kunstwerke widmen sich der Wiederholung und der Probe, wobei sie den Fokus auf jenen Moment richten, in dem ein Reenactment stattfindet, durch das etwas anderes, Neues entstehen kann.
Ein „Maschinenfehler“ tritt in Joanna Molls Sound Collage in a Dark Room in den Vordergrund. Die Künstlerin realisiert ein Setup, in dem eine Videosequenz abgefilmt und die Aufzeichnung wiederum aufgenommen wird, so lange, bis die Maschine nur noch über sich selbst spricht. Technologische Systeme sind darauf ausgelegt, eine spezifische Funktion zu erfüllen oder eine bestimmte Art von Information nach einem vordefinierten Raster zu erfassen. Jede Maschine kann jedoch eine Leistung erbringen, die ihrer Produktionslogik zuwiderläuft oder so bedient werden, dass sie bei ihrem ursprünglich vorgesehenen Verwendungszweck ganz versagt. Was würde ein Tonabnehmer sagen, wenn wir ihn ein Bild von einer Pflanze ablesen ließen?
Da die Stimme in westlichen Kulturen als „Portal zur Seele“ angesehen wird, gibt es gegenwärtig eine Vielzahl von Anwendungen, die darauf abzielen, die in der Stimme verborgenen Realitäten sichtbar zu machen bzw. über sie zu spekulieren: den tatsächlichen Herkunftsort einer Immigrantin oder das individuelle Persönlichkeitsprofil eines Bewerbers. Dabei greifen diese Systeme häufig auf Datenbanken zurück, die kulturell, politisch und historisch geprägt und verzerrt sind. „History is not a perfect loop.“ Jede Programmierung trägt kulturelle Schichten in sich, jede Wiederholung des Verfahrens fügt eine neue hinzu. Das darin enthaltene „Rauschen“ erzählt letztlich von den Fehlern und Kontinuitäten des Systems, das sie erdacht hat. Wie könnte man für einen „Niemand“ gehalten werden?
Die Funktionsweise von Spracherkennungssystemen beruht auf Regeln der Normierung, die sicherstellen, dass der Input von Maschinen lesbar ist. Folglich bleibt jede Form der Improvisation für diese technologischen Systeme unlesbar und bietet ein Potenzial, unerkannt zu bleiben. Improvisation meint die Fähigkeit, auf Unvorhergesehenes zu reagieren, das Unvorhersehbare oder Unverständliche als Grundelement des (gemeinsamen) Handelns zu verstehen. In Katarina Zdjelars Shoum wird der Song „Shout“ von Tears for Fears reinterpretiert – er erklingt in einer neuen, erfunden Sprache. Diese Verwandlung des New-Wave-Songs in eine Art Hymne der Arbeiter*innenklasse spielt darauf an, dass Popsongs immer bereits eine kulturelle Codierung in sich tragen, die mittels Improvisation aufgelöst werden kann.
Diana Vidrascus Silence des Sirènes bezieht sich auf Glissants Auffassung von Opazität im ursprünglichen Sinne: als Suche nach einem Ort der Stille, fern von Erwartungshaltungen und Ansprüchen der dominanten Kultur. Improvisation, als Form der Inszenierung, wird hier sowohl zum ästhetischen als auch politischen Programm. Improvisation ermöglicht Opazität, indem sie sich den Erwartungen entzieht und so die Situation neu definiert. Opazität ist dabei nicht als eine Form der reinen Selbstbezogenheit zu verstehen – das Subjekt steht in Verbindung mit anderen pluralisierten Identitäten, die sich wechselseitig konstruieren und gemeinsam improvisieren. Die wechselseitige Konstruktion, oder Intra-Aktion zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Akteur*innen ist auch das Thema von Marlies Pöschls Simple Whistles und der Performance Strom von Iris Blauensteiner und Rojin Sharafi.
Clouds of smoke are billowing out of dried leaves being burnt, der „Open Sound“, der im Ausstellungsraum hörbar ist, unterwandert den meist für selbstverständlich erachteten Zusammenhang von Bild und Ton in Videoarbeiten: Er verweist auf die Idee, dass Klang per se eine vibrierende Materie ist, die Menschen und technologische Objekte auf physische und affektive Weise verbindet. Durch den Open Sound wird ein geteilter Raum hergestellt: zwischen den Besuchenden und der Umgebung, aber auch zwischen den einzelnen künstlerischen Arbeiten. Basierend auf bestehenden Sounds der präsentierten Videos entwickelt Rojin Sharafi in Clouds of smoke…mittels generativer Software-Prozesse eine Komposition. So beginnen die technologischen Geräte unerwartet ihre eigenen Sprachen zu entwickeln, abseits der vorgefertigten Scripts zu agieren, zu improvisieren. Zusammen bilden sie eine lebendige, ambivalente Form, die sich immer wieder neu erfindet und die Besucher*innen durch den Raum leitet.
Die begleitend zu Wake Words produzierte Audiopublikation geht der Frage nach, wie der Vorgang des Zuhörens nicht nur von physischen, sondern auch kulturellen Vorbedingungen beeinflusst wird; wie die im umgebenden Raum eingebetteten Politiken filtern, was gehört und was verschwiegen wird, und wie technische Apparaturen auf die akustische Wahrnehmung einwirken. In Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen Hierarchien des Sprechens und Zuhörens haben die im Hörbuch versammelten Stimmen ihre Beiträge in kollaborativen und experimentellen Konversationen mit anderen Sachkundigen und Musiker*innen, aber auch mit Mobiltelefon-Applikationen entwickelt. Die vier Hörstücke erweitern also die bei Wake Words aufgeworfenen thematischen Ebenen und überführen diese zugleich in einen breiter gefassten Kontext interdisziplinärer, künstlerischer und theoretischer Forschung im Bereich der Sound- und Medienkunst.



Die begleitende Audio-Publikation versammelt künstlerisch-wissenschaftliche Beiträge in Form von Hörstücken und ist über die Podcast-Kanäle des Kunstraum Niederoesterreich abrufbar. Zudem gibt es in der Ausstellung eine Hörstation. In Zusammenarbeit mit 3sechzig/360 wurde ein Keramik-Objekt, das die Audio-Publikation enthält (siehe Bild oben), als Edition gestaltet.
Intro: von Katharina Brandl, Enar de Dios Rodríguez, Olena Newkryta, Marlies Pöschl und Rojin Sharafi
Beiträge: AM Kanngieser and Lucreccia Quintanilla , Constanze Ruhm , Jessica Feldman , Eleni Ikoniadou and Viki Steiri.




Im kollaborativ entwickelten Performance-Setting Strom forschen Iris Blauensteiner und Rojin Sharafi an einem dynamischen Zusammenspiel menschlicher und technischer Akteurinnen. Basierend auf der Narration eines entstehenden literarischen Textes wird Stimme mit elektronischer Musik, Texturen und programmierten Klangkomponenten kombiniert, verbunden und neu codiert. In einer Choreografie von Text, Bewegung, Stille und minimalen Gesten interagieren die Performerinnen über den Klang. Interdisziplinär verwoben entstehen wechselseitige technisch-menschlich-körperlich-abstrakt-erzählerische Prozesse. Zwischen dem abstrakten Sound und seiner Verkörperung spannt sich ein Kraftfeld. Die Betrachter:innen sind eingeladen, Teil der unheimlich-utopischen Atmosphäre der Live-Performance Strom im physischen Ausstellungsraum zu sein.
Wir verwenden die Schriftart „Suisse Int’l“, die uns freundlicherweise von Swiss Typefaces zur Verfügung gestellt wurde.