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von Maja Ćirić
Mit dem Vorteil der Rückschau auf die digitale Wende und die technologische Explosion wird deutlich, dass Technologie tatsächlich dauerhaft ein zweites Selbst ist (Sherry Turkle, 1984). Permanent mit unseren Interfaces verbunden, werden unsere Arten des Handelns und Denkens neu geformt. Wenn „Physikalität ein Bug und kein Feature ist“ (Tyler Winklevoss), dann bietet ein Online-Screening die Möglichkeit, eine andere Geschichte sowohl über Physikalität als auch über Bugs zu erzählen. Dezentralisiert und dekontextualisiert prallen einst exklusive Bildrahmen unendlich aufeinander.
Entgegen der Annahme, dass die Auflösung dieser Bildsättigung der einzige Weg sei, um im zweiten Jahr der Pandemie weiterzumachen, liegt der Schlüssel vielmehr darin, eine Form der Teilhabe an dieser virtuell erweiterten Realität zu finden – indem man versucht, Aufmerksamkeit zu erfassen und zugleich zu steuern. Was einst ein autonomes Screening im Black Box-Raum gewesen sein mag, wird gegen die Logik einer erweiterten Internetkunst eingetauscht (Ceci Moss), verstanden als ein fortwährend hybrides Werden. Ein künstlerischer Film ist nicht nur ein Film, sondern auch ein hochwertiger Datensatz, der mit den niedrig aufgelösten Daten von Snapchat und TikTok konkurriert. Die Bildrahmen erweitern sich, es entsteht ein Bedarf nach Anpassung, nach unmittelbarer Veränderung. Es ist an der Zeit, persönlich zu werden – schließlich wird der Inhalt in der Intimität unserer Wohnungen betrachtet, als Beziehung zwischen dem Subjekt des Films und den Subjekten außerhalb davon.
„They“ ist eine Möglichkeit, die Sichtbarkeit künstlerischer Filme in einer Umgebung konkurrierender Bilder anzusprechen und zu erproben. Es handelt sich um eine öffentliche Reflexion darüber, wie vernetzte und eingebettete filmische Einheiten unter erweiterten Bedingungen agieren können. Der Titel „They“ zollt nicht-binären Geschlechtsidentitäten Respekt und impliziert zugleich, dass sich dieser Respekt in einem weiteren Verständnis auch auf Nationalität, auf andere nicht-anthropozentrische Entitäten, auf Technologie und auf unterschiedlichste Perspektiven erstreckt.
Anstatt bilaterale kulturelle Beziehungen darzustellen, etwa zwischen Österreich und Serbien, verbinden diese künstlerischen Filme ihre Autor:innen über die Emotionen und Empfindungen, die sie hervorrufen – nicht über ihre nationale Herkunft. Narrative sind nicht nur eine subtile Manipulation möglicher Bilder unter gegenwärtigen Bedingungen und hypermedialen Realitäten, sondern dienen auch als Werkzeug, um alternative Weisen des Sehens und des Umgangs mit der Umwelt sowie mit den Erfahrungen des Selbst und der deleuzianischen Vorstellung des „Dividuums“ vorzuschlagen – einer Person, die aus Daten besteht und sich unendlich teilen und neu zusammensetzen lässt.
Alle Arten von Subjekten werden als Teil von „They“ betrachtet: eine melancholische Drohne, eine Festplatte mit 2,8 Terabyte verbleibender Daten, eine Straße in Teheran, sich überlagernde Melodien, Archivbilder aus dem jugoslawischen Kino, Werkzeuge zur körperlichen „Optimierung“, eine weibliche Formel-1-Fahrerin, eine Maschine, die ein Bild der Jungfrau von Guadalupe webt, die älteste Eiche Belgrads, Sanddünen. Sämtliche Inhalte sind in einer nur scheinbar binären Konstellation miteinander verwoben, denn diese Bilder, die sowohl eine kulturelle Anthropologie als auch einen ökozentrischen Ansatz repräsentieren, bestehen aus einer Vielzahl nicht-statischer Komplexitäten.
Vom 15.–18. April 2021 wurde täglich ein neuer Teil des Filmprogramms auf der Website
↗︎ http://they-sie-oni.goldenpixelcoop.com präsentiert.











An seinem letzten Morgen in Belgrad reflektiert eine militärische Drohne über ihre vergeudete Existenz als Drohne außerhalb des Kampfeinsatzes, während sie im Autopilot-Modus zu einem Paar fliegt, das Sex hat – eine Route, die ihr früherer Operator nutzte, um sie auszuspionieren.
Eine Festplatte, 2.8 Terrabyte, übrig gebliebene Daten aus einem zehn Jahre vergangenen Projekt. 2008 entstand der erste Kurzspielfilm von Iris Blauensteiner. Jetzt sichtet sie das liegen gebliebene Material: Szenen-Outtakes, Fotos, Soundfiles, E-Mails, Drehbuchteile, verworfene Ideen. Die Daten wurden gut archiviert, aber die Zeit hat Spuren hinterlassen. Alte Formate sind nicht mehr abspielbar, aktuelle Player nicht kompatibel. Abspielfehler und Bildstörungen verweigern eine bequeme Erinnerung, die Bilder und Töne sind nicht mehr dieselben, die sie damals waren. Geisterhaft magische Szenen entstehen aus den digitalen Resten und Fehlern, drängen sich ins Sicht- und Hörbare. Die Erinnerungen werden recycelt. Sie verlangen nach einer veränderten filmischen Erfahrung, einer neuen Erzählung – einem anderen Film.
„die_anderen_bilder“ ist ein experimentell-dokumentarischer Kurzfilm. Er stellt die Frage, wie erinnert werden kann, wenn die unzähligen, gespeicherten, digitalen Beweise versagen und sucht die Antwort in einer Wieder- und Neuverwendung des digitalen Archivs.
Die Laleh Zar-Straße im Zentrum Teherans, früher Sitz mehrerer Kinos, ist heute geprägt durch eine Vielzahl von Leuchtkörpern, die in den Geschäftslokalen entlang der Straße zum Verkauf angeboten werden. Der Fluss der Bilder, das Kino, scheint infolge der Iranischen Revolution aufgebrochen in viele einzelne Lichtquellen.
„Cinema Cristal“ fügt diese Fragmente wieder zu einer neuen Komposition, einem Reigen aus Lichtbildern, zusammen. Auf der Ton-Ebene kommen RezipientInnen zu Wort – ZeitzeugInnen, KinoliebhaberInnen sowie TheoretikerInnen – und beleuchten so die Bedeutung des Kinos als Erinnerungs-Raum bzw. als sozialer und ästhetischer Raum.
In einer einzigen Einstellung aufgenommen, werden vier unterschiedliche Kompositionen (gleichzeitig und dennoch austauschbar) von einer jungen Frau als eine zusammenhängende Performance ausgeführt. Mit dem Anspruch, Stil, Tempo und Rhythmus der einzelnen Stücke beizubehalten, bewegt sich die Performerin vokal durch sie hindurch. Zwischen Stille, Musik, Klang und Sprache oszillierend und diese miteinander kollidieren lassend, entsteht eine Kontinuität aus Brüchen und Unterbrechungen. Das Gesicht und die Stimmbänder der Performerin werden zum Ort und zum Schlachtfeld dieser Begegnungen, während jeder Schnitt zugleich Fluchtpunkt und Eintritt darstellt.
Der Film „La imagen pertenece al pueblo“ wurde inspiriert von der automatisierten Produktion einer ikonischen Bildserie, die die Verehrung des Bildes als Artefakt sichtbar macht. Es handelt sich um einen Video-Dokumentarfilm, der in einer Textilfabrik in Mexiko-Stadt gedreht wurde. Im Zentrum steht die Herstellung gewebter Darstellungen der Jungfrau von Guadalupe – ein nationales Emblem und zugleich ein umstrittenes Symbol des „Mexicanismo“.
Das Bild der Jungfrau von Guadalupe ist Teil der populären Kultur Mexikos und erscheint in zahllosen Reproduktionen: auf Tassen, T-Shirts, Wandbildern, Postern – und, wie der Film zeigt, auch in Form von devotionalen Wandteppichen. In ein textiles Raster eingebunden, wird das Bild zu einer dichten Einheit identischer Reproduktionen, die sich scheinbar endlos fortsetzen ließe.
Der Film reflektiert nicht nur die Legende und den Aberglauben rund um ein Bild, sondern vor allem auch die Zeitlichkeit textiler Produktion sowie das Verhältnis von Mensch und Maschine, Magie und Technologie.
„Cutaneous Vision“ ist ein Video, das aus einer Vielzahl körperbezogener Bilder montiert ist – Körperteile, medizinische Modelle, ästhetische Erweiterungen und Werkzeuge zur körperlichen „Optimierung“, die online vertrieben werden. Die Gegenüberstellung von menschlichen und menschenähnlichen Formen thematisiert materielle Überfülle und Selbstinszenierung als Prozesse, in denen Körper zugleich ausgelöscht und fetischisiert werden.
Die letzte Frau, die jemals an einem Formel-1-Rennen teilnahm, war Lella Lombardi im Jahr 1976 in Österreich. Diese Arbeit handelt von einer Frau, die Lella (oder ihrem Geist) auf einer heutigen Rennstrecke begegnet.
Lella Lombardi war die Letzte im Ziel – aber sie hat es zumindest erreicht. Ihre schnellste Runde betrug 1 Minute 43 Sekunden – die Dauer dieses Films.
Basierend auf Archivbildern aus dem jugoslawischen Kino beginnt der Film mit Worten, die Milena Dravić in W.R. Mystery of the Organism von Dušan Makavejev spricht. Auf der anderen, vom Patriarchat geprägten Seite folgt die fragmentierte Erfahrung der Frau und ihres gebrochenen Körpers.
„Pirate Bay“ ist das filmische Portrait einer offenen Fischerei am Strand von Hastings im Südosten Englands.
Ein poetischer Streifzug an einem stürmischen Spätwintertag führt uns entlang der am Strand ruhenden Fischerboote. Die rhythmische Montage, in Zusammenspiel mit einer Jazz-Komposition und deren fragmentarischen Versatzstücken, lässt den touristischen Küstenort zum verlassenen Schlachtfeld voll geplünderter Schiffe werden. Mit Musik von Guido Spannocchi am Altsaxophon und Gina Schwarz am Kontrabass.
Der Videoessay zeigt die älteste Eiche im Stadtzentrum von Belgrad – den letzten Baum eines ehemaligen Eichenwaldes, der einst in dieser Region wuchs.
Mit ihren 200 Jahren ist sie Zeugin historischer Ereignisse und eines kulturellen Wandels im Verhältnis zwischen Mensch und Baum.
Nach Wasser ist Sand das am zweithäufigsten von Menschen abgebaute Naturmaterial. Unsere Gesellschaft ist buchstäblich auf ihm aufgebaut – und entgegen verbreiteter Annahmen ist er eine begrenzte Ressource, deren Abbau irreparable Schäden in der Natur verursacht. Dieser Videoessay in vier Kapiteln ist Teil von „Vestiges“, einem interdisziplinären Projekt, das die unstillbare Nachfrage nach Sand sowie deren sozio-politische und ökologische Folgen untersucht.
An der US-amerikanischen Westküste finden sich in den lokalen Tages- und Wochenzeitungen schier unzählige Annoncen von Firmen, die auf Ungeziefervernichtung spezialisiert sind – z.B. Flöhe und Wanzen, aber auch Termiten. Die titelgebenden Tarpaulins sind eine Art Zelte oder Zeltbahnen, in die ganze Ein- und Mehrfamilienhäuser ä la Christo eingehüllt werden, um die Immobilien in einem zweiten Schritt begasen und so das Ungeziefer vernichten zu können. Raffiniert verwebt Lisa Truttmann in ihrem Film die Geschichte der Tarpaulins mit jener der ungeliebten unsichtbaren Bewohner (oder eher Vertilger) der Häuser – eine der vielen Erzählstränge verführt uns hier zu Horrorfilm-Phantasien: Termiten! Zugleich aber geht es in dem Film um viel, viel mehr: um die ästhetischen Sensationen der Tarpaulins, ihrer Farben, Formen und Geräusche – und selbstredend geht es um die Geräusche der Termiten. Ein Fest für die Sinne! (Katja Wiederspahn, Viennale)
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