Sena Başöz / Lisa Truttmann

Truttmann_theCursor
Lisa Truttmann, Filmstill aus „The Courser“, 2018
AUSSTELLUNG

■ DATUM:

24.01.–22.02.2018

■ ORT:

MEMPHIS
Untere Donaulände 12, 4020 Linz

■ KONZEPT UND REALISATION:

Katharina Swoboda und Marlies Pöschl

■ KÜNSTLERINNEN:

Sena Başöz, Lisa Truttmann

DETAILS:

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Conversations with non-conventional companions“
In der Ausstellung von Sena Başöz und Lisa Truttmann werden zwei Positionen vorgestellt, in denen das Verhältnis von Erinnerung, Medien und Natur verhandelt wird. Es sind jeweils organische Materialien, Stein und Knochen, die auf eine Vergangenheit verweisen, die in den Arbeiten zeitlich aktualisiert wird. Während Truttmann sich einer Skulptur annähert, und diese in Bewegung versetzt, werden bei Başöz Materialen an sie heran geschwemmt. Hier beobachtet Başöz die Bewegungen des Meers und zeichnet auf, was es bringt. In beiden Arbeiten geht es um filmische Bilder, um Materialien und die Verschränkung zwischen den bewegten Bildern, also der Bewegung des filmischen Mediums und der Bewegung anderer Medien bzw. Elemente: bei Truttmann die „versteinerte“ Bewegung der Pferde und bei Başöz die Bewegung des Wassers.

■ Lisa Truttmann: The Courser

Multimedia Installation (Video, Fotografie, Sound), 2018

Soundbearbeitung: Thomas Grill

Mit der Inschrift „The gallop of the courser“ ist eine Skulpturengruppe in Shanghai beschrieben, die Truttmann ins Zentrum ihrer Arbeit stellt. Courser bezeichnet ein „swift or spirited horse“, ein Rennpferd. Die Bewegungen der Pferde sind expressiv in der Skulptur dargestellt. Die Skulptur wirkt wie eine dreidimensionale Bewegungsstudie des Galopps und erinnerte hier an die frühen fotografischen Bewegungsstudien von Eadweard Muybridge (1830-1904), der die Galoppbewegung Einzelbild für Einzelbild aufzeichnete. Truttmann nähert sich den in der Zeit erstarrten Bewegungen, und versetzt diese in Aktivität. Die geschieht nicht nur mittels der laufenden Bilder, also den filmischen Bildern der Videokamera, sondern verstärkt auf der Tonebene. Gemeinsam mit Thomas Grill setzt Truttmann eine Soundscape in den Ausstellungsraum, welche die Struktur der Skulptur, aber gleichsam auch ihren Umraum aufnimmt. Ton und Bild werden getrennt im Ausstellungsraum präsentiert.
Die Pferdegruppe ist in ein modernes mehrstöckiges Ensemble von Autobahnen positioniert. Die imaginäre Bewegung der Pferde und die tatsächliche Bewegung der Autos werden im Bild verschränkt. Mit Pferd und Auto sind zwei Transportmittel aus unterschiedlichen historischen Epochen sichtbar, die an diesem Punkt gegenübergestellt werden. Truttmann nähert sich der Pferdegruppe mit langen und wohlkompnierten Einstellungen, die Zeit für die Betrachtung der Situation erlauben. Während bei Muybridge die Bewegung durch das Schweifen des Blicks zusammengesetzt wird, konstruiert Truttmann diese durch audiovisuelle Montage. Positioniert wird ihre Arbeit erneut dreidimensional im Raum und funktioniert in diesem Sinne, wie die Pferdgruppe zu Anfang, als skulpturale Anordnung.

 

■ Sena Başöz: The Screen

Video Installation (mit Zeichnungen und Collagen), 2016

Aufnahmen vom Meer werden auf einen Paravent projiziert, es ist einer jener Raumteiler, wie er in Krankenhäusern zu finden ist. Ein „medical screen“ wie er im Englischen bezeichnet wird. Der Screen bezeichnet viele Flächen, er verweist auf den Computerbildschirm, das Handy sowie die Kinoleinwand der Massenmedien in denen schockierende Bilder gezeigt werden. Aber hier taucht auch die Referenz zum medical screening, der Vorsorgeuntersuchung, auf. Es ist diese Doppelbedeutung, die Başöz interessiert. Denn es ist das Sorgen, das Vorsorgen und das Umsorgen, Caring, das Basöz in ihrer Arbeit antreibt. Was gibt es zu heilen? Und, wie begegnet die Kunst der fortschreitenden Komplexität der Welt?
Mit „theoretischer Kreativität und ethischem Mut“ in die Zukunft zu gehen schlägt die politische Denkerin Rosi Braidotti vor, anstatt von eines „rückwärtsgewandten Weg[es] der Konstruktion kollektiver Feindbilder“. Başöz ist sich ihrer Situiertheit (ein Begriff von Donna Haraway) bewusst, also einer bestimmten Position, die sie einnimmt und von der aus sie handelt. Im Ausstellungsraum legt sie diese Position aus: neben dem Paravent, der das Meer und angespülte Knochen zeigt, werden Bilder ausgehängt, die ihre Position und ihre Reaktion verbildlichen. Knochen und andere archäologische Funde werden gewöhnlich aus der Erde geborgen, Başöz jedoch betreibt ihre persönliche Archäologie im Meereswasser. Ihre Geschichten werden nicht ausgegraben, sondern angeschwemmt.