refinerymonastery

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Katharina Swoboda, Filmstill aus „Stones“, 2021
Screening im Rahmen der 20. Kunstbiennale „refinerymonastery" in Pančevo

■ DATUM:

24.06.2022 | 20:00

■ ORT:

Kulturni Centar Pančeva
Vojvode Živojina Mišiča 4
Pančevo, Serbien

■ KÜNSTLERINNEN:

Iris Blauensteiner & Christine Moderbacher, Enar de Dios Rodríguez, Marlies Pöschl,
Katharina Swoboda, Simona Obholzer, Lisa Truttmann

■ UNTERSTÜTZUNG:

Österreichischen Kulturforum
Österreichischen Botschaft in Belgrad

■ KURATIERT VON:

Maja Ćirić
The Golden Pixel Cooperative zeigt neue Filme im Rahmen der 20. Kunstbiennale „refinerymonastery“ in Pančevo. Dauer des Filmprogramms: 90 Minuten

Die 20. Kunstbiennale in Pančevo ist thematisch von einem lokalen Hybrid inspiriert: sie bezieht sich auf die ikonische und scheinbar gegensätzliche, unmittelbare Koexistenz der Ölraffinerie und des Vojlovica-Klosters, deren wechselseitige Abhängigkeit je nach Blickwinkel symbiotisch oder konfliktreich sein kann. Die Biennale “refinerymonastery” wirft die Frage auf, ob und wie es möglich ist, außerhalb der vom Kloster und der Raffinerie erzeugten Matrizen, Muster und Bedingungen zu agieren, jeder für sich und gemeinsam, und wie das Verhältnis zwischen begrenzter kirchlicher Aktivität und unbändigem Bedürfnis nach Offenheit und Erfindungsreichtum gelöst werden kann.
Das “Raffinerie-Kloster” kann vorübergehende Antworten in der Kunst finden, die spekulative Phantasie und Technologie miteinander versöhnt. Wenn es unmöglich ist, vom Dogmatismus oder dem Hyperkapitalismus abzuweichen, dann ist ein künstlerischer Vorschlag im Sinne der Schaffung einer vorübergehenden Differenz ein Ausweg sein.

Maja Ćirić

■ Iris Blauensteiner & Christine Moderbacher: Die Welt ist an ihren Rändern blau
MiniDV/Super 8/HDV, 16:9, Farbe, Stereo-Ton, 15 min, AT, 2021

“Was könnte ich dir erzählen über die Welt, in der ich lebe?” Adressiert an das ungeborene Kind versucht die Erzählerin mit teils klaustrophobischen Bildern und intimen Notizen einer Schwangerschaft in Pandemiezeiten Antworten darauf zu finden. Ausgehend von einer prägenden Kindheitserinnerung spannt der experimentelle Kurzfilm einen Bogen vom Eisernen Vorhang, über die sogenannte “Flüchtlingskrise” und das erneuerte Schließen von Grenzen während Covid-19. Texturen von immer näher rückenden Wänden verschwimmen dabei mit verpixelten Landkarten zu einem subjektiven Porträt einer neuen Realität und ihrer digitalen Bilderwelt.
"Die Welt ist an ihren Rändern blau von Christine Moderbacher und Iris Blauensteiner schaut in eine ungewisse Zukunft. Es ist ein Film über das Leben und das, was es verhindern könnte. Zwischen den Wahrnehmungsfetzen einer düsteren Gegenwart gezeichnet von Lockdowns und Bildschirmen, hört man den noch schwachen Herzschlag eines Embryos. Im Film teilt die Mutter ihre Gedanken mit dem ungeborenen Kind. Doch was kann sie ihrem Nachwuchs zeigen, welche Bilder dieser Zeit können und sollen bleiben? (Patrick Holzapfel)

■ Enar de Dios Rodríguez: Liquid ground
HD, 16:9, Farbe, Ton, 32 min, AT/ES, 2021

Obwohl die Ozeane mehr als 70 % der Erdoberfläche ausmachen, wurde bisher nur ein sehr kleiner Teil des Meeresbodens kartiert. In den letzten Jahren beschleunigte sich jedoch die Vermessung submariner Räume. Diverse geopolitische und wissenschaftliche Akteure treiben die Schaffung eines "neuen Kontinents" unter dem Meer voran, der erforscht und ausgebeutet werden soll. “Liquid ground” ist ein Video-Essay, der den Meeresboden und seine aktuelle Kartographie als Ausgangspunkt nimmt, um über Kolonialismus, Ökologie und Repräsentation zu sprechen.

■ Marlies Pöschl: Shadow Library
4K-Video, 16:9, Farbe, stereo, 7 min, AT, 2021

In einer nahen Zukunft werden Daten nicht mehr in Datenzentren, sondern in der DNA von Pflanzen gespeichert. Während einer Präsentation des Daten-Gartens von Cyan, einem österreichischen Mobilfunkhersteller, verirrt sich dieser Film durch Zufall eine zweite, unsichtbare „Bibliothek“ – die Shadow Library, die auf einigen der Pflanzen gespeichert ist. Auf diese Weise thematisiert dieses Video, wie die Auswirkungen der global ungleichen Produktionsverhältnisse sich in Pflanzen einschreiben, mit den Pflanzen migrieren und sich somit im kollektiven Gedächtnis verankern.
Der Text im zweiten Teil des Videos basiert auf Gedichten der chinesischen Lyrikerin Zheng Xiaoqiong, die in ihren Texten die Lebens- und Arbeitsbedingungen von chinesischen Wanderarbeiter*innen thematisiert. Der Soundtrack des Films (“Fern” von Mileece) basiert auf Sonifizierung von elektrischen Strömen in Pflanzen.

 

■ Katharina Swoboda: Stones
2K-Video, 16:9, Farbe, stereo, 8 min, AT, 2021

Die Stoffe, die in ein Smartphone eingebaut sind, werden aus der Erde gewonnen. Große Mengen an Gestein müssen abgebaut und dann mühsam verarbeitet werden, um die Komponenten zu gewinnen, die für den Bau des Telefons benötigt werden. Einige dieser Gesteine, aus denen Elemente wie Palladium, Tantal, Lithium oder Seltene Erden gewonnen werden können, werden im Video gezeigt. Eine Wissenschaftlerin untersucht diese Steine durch ein Mikroskop und wir werfen mit ihr einen abstrakten Blick auf die „inneren Landschaften“ eines Smartphones. Das Video endet mit einem Experiment und der Auflösung eines Mobiltelefons.

■ Simona Obholzer: Perfect Particles (x kWh)
2K-Video, 9:16, Farbe, stumm, 6 min, AT 2021

Schneefall hinterlässt eine spezielle Art von Landschaft. Es legt sich eine weiße Schicht über alles, sie gibt allem eine neue Oberfläche. Die Schneelandschaft ist eine hoch emotionalisierte Landschaft, die auf vielfältige Weise imitiert wird und hinter der in Zeiten der Klimaerwärmung viel Technik steckt.In “Perfect Particles (x kWh)” wird computergenerierte Natur herangezogen. Es fällt unaufhörlich Schnee, mal stärker, mal schwächer. Die Hände der Künstlerin strecken sich dem “Natur-Schauspiel” entgegen, in Erwartung eines zufälligen, flüchtigen Kontakts. Die Flocken sind jedoch digital generiert, sie haben keinen Ursprung in der materiellen Welt. Die vom so genannten Emitter ausgestoßenen Partikel hinterlassen keine Spuren auf dem Bild, dessen Teil sie geworden sind. Der physische Kontakt bleibt ein gedankliches Experiment.
Simona Obholzer adressiert mit ihrer Installation den Betrachter*innenkörper als Leerstelle zwischen den Screens. Sie ruft die haptische Wahrnehmung der Betrachtenden auf und spielt mit ihrer Orientierung zwischen Bildraum und realem Raum. Handrücken und Handfläche erscheinen auf dem Bildschirm in etwa gleich groß wie die realen Hände der Besucher*innen, sie suggerieren eine Ausrichtung: oben und unten.  Beides Raum-Lage-Bezeichnungen denen in der Ursprungslosigkeit des Digitalen keine große Bedeutung zukommt. Es entsteht so eine Differenz zwischen physiologischen Gegebenheiten und der virtuellen Landschaft.

■ Lisa Truttmann: Tracks I-III
HD-Split-Screen, 16:9, Farbe, stereo, 20 min, AT, 2021

Als “Phantom Rides” geisterten zu Beginn der Filmgeschichte schnell vorbeiziehende Landschaftsbilder durch die ersten Kinosäle. Waren es zunächst Kameras, die auf Zügen montiert in Höchstgeschwindigkeiten vermeintlich unberührte Gebiete visuell eroberten, so sind es nun auch mobile Funksignale, die unseren technologisierten Blick steuern und Landschaftsräume mit erschließen. “Tracks I-III” geht auf Spurensuche und verfolgt, fragmentarisch und assoziativ, die ehemalige Teilstrecke der “Ischlerbahn” zwischen Mondsee und Strobl. In einer digitalen Geisterbahn der Gegenwart durchqueren wir die Landschaft, suchen nach Anhaltspunkten und blicken zugleich nach vor und zurück. Wir fragen danach, wie unsichtbare Funksignale reisen, wie sich diese in bewegten Bildern manifestieren, und warum wir jetzt auf unser Handy schauen und nicht im Kino sitzen.