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![Lotte Schreiber, Filmstill aus „I. E. [site 01-isole eolie]“, 2004](https://goldenpixelcoop.com/wp-content/uploads/2025/12/LotteSchreiber_IE_03.jpg)


Die Form beim Wort nehmen, oder sie über einen filmischen Übersetzungsvorgang einsehbar machen. In ihren Filmen vermisst Lotte Schreiber eine architektonische Wirklichkeit, ohne sie zu doppeln. So nähert sie sich strukturalistischen Wohnblöcken in Triest und in der Peripherie Roms, Betonskeletten in der winterlichen Landschaft Griechenlands, der Kabinenstadt des Gänsehäufel im Herbst, dem Wittgensteinhaus, Ausstellungsräumen, Gemeindebauten und anderen sozialen Utopien des Zusammenlebens. Sie betritt diese Räume und macht mit ihren Filmen gleichzeitig neue auf. Politische und historische Zusammenhänge werden dabei in Schichten freigelegt.



Ihre Filmsprache ist klar und steht in direktem Austausch mit ihren Protagonist*innen – meist Architekturen und Landschaften, manchmal Personen. Die Kameraeinstellungen sind oft statisch, aber niemals starr, denn auch im stillen Bild finden sich wilde Bewegungen des flimmernden Filmkorns. Im vielfältigen Einsatz unterschiedlicher Film- und Videoformate lässt Schreiber die Zeit jedoch nicht im Material verschwinden, sondern holt uns durch unerwartete Brüche in der Montage immer wieder in die Gegenwart, und somit in den Kinoraum zurück.



Dauer: 75 min.
Nachdem Lotte Schreiber und Sasha Pirker mit dem gemeinsamen Film „Exhibition Talks“ den Diagonale-Preis für Innovatives Kino 2015 erhielten, gestalten die beiden Filmemacherinnen den Festivaltrailer im Folgejahr. Sie nehmen die Form beim Wort.
Der Titel „Quadro“ steht für den quadratischen Grundriss einer monumentalen Betonkonstruktion in Triest, Italien. In diesem filmischen Porträt über den Wohnblock der 60er Jahre, der den Widerspruch zwischen radikalen und gescheiterten Ideen der Moderne verkörpert, formuliert Schreiber viele Elemente ihrer filmischen Sprache zum ersten Mal. Der Film stellt auch den Beginn einer langjährigen Zusammenarbeit mit dem Experimentalmusiker Stefan Németh (Innode) dar, dessen Sound eine gewollt rohe, oft sehr laute Reibung im Dialog mit der Bildebene schafft.
Wolken ziehen vorbei, der Himmel zittert. Immer wieder werden die statischen Einstellungen und ihre analoge Materialität unterbrochen durch verwackelte Videoaufnahmen. Die teils heftige Bewegung entsteht durch ein Annähern, ein Vorwärtskommen, die Bilder werden körperlich. Mit heftigen Schritten, über Steine, durchs hohe Gras, am Meer entlang, an Fischern vorbei. Was ist dieses Grollen? Zunächst hören wir es aus der Ferne, dann kommt es immer näher. Es rumort unentwegt, in der Landschaft sowie im gerahmten Bild. Bis er dann auftaucht, rauchend, der Stromboli.
Ihr Montagekonzept der Disruption weiterführend, nimmt uns die Lotte Schreiber mit auf eine Reise durch die eindrucksvolle und ungewohnt winterliche Landschaft in Griechenland. Hier dokumentiert sie die vielen Betonstrukturen, die als Rohbauten wie geometrische Fremdkörper oder dystopisch anmutende Skelette in der Umgebung des Peloponnes und auf Kreta immer wieder auftauchen. Auto- und Kamerafahrten führen uns von einem Bauwerk zum nächsten, von einem statischen Bild zum nächsten. „Domino“, benannt nach einem Konstruktionssystem aus Stahlbeton von Le Corbusier, ist nach „Quadro“ und „I. E. [site 01-isole eolie]“ der dritte Teil von Schreibers „filmischen Kartografien“.
„Ich habe die Orientierung verloren. Das System ist außer Kontrolle“, hören wir eine Off-Stimme aus dem Handy sagen. Ein Mann mittleren Alters in Anzug und Krawatte, mit Aktenkoffer und Mobiltelefon, stapft verloren durch die Gegend. Wir befinden uns im Gänsehäufel in Wien, das im Sommer mit badenden Gästen überquillt. Doch jetzt ist es Herbst: Das Laub wurde vom Wind zu Haufen und bis in die Kabinen hinein geweht, die Wege sind leer, die Anlage geisterhaft und unheimlich verlassen. Mit wem spricht er, der Mann, wem hört er zu? Und wir hören mit – entschuldigend, anklagend, urteilend. Vielleicht sind es seine innerlichen Konflikte, die er beim Blick vom Badeturm herab auf die Architekturen der Kabinenstadt nun stumm mit sich verhandelt. Gleichzeitig überträgt sich jene (An-)Spannung auf das, was er sieht, während er in der Ferne sein eigenes Spiegelbild zwischen den Betonquadern vorbeigehen erkennt.
Wären nicht vier Jahre nach „GHL“ vergangen, könnten wir annehmen, der Protagonist wäre direkt aus dem Gänsehäufel hier im Wittgensteinhaus gelandet. Auch hier wirkt er verloren. Und während er verloren wirkt, beobachtet er andere verlorene Menschen, die im Haus verstreut, einer scheinbaren Ordnung folgend, wunderbar absurden Tätigkeiten nachkommen. Ein wenig wundert er sich, aber nicht allzu sehr. Ein Sportler steigt über eine Leiter ins Haus. Eine Frau sortiert Perlen nach einem unverständlichen System. Hinzu kommt ein chemisches Labor, eine Frau mit Brille, ein Fitnesstrainer, ein Mann, der Kreise zeichnet, während ein anderer mit einem Bambusstab die Oberfläche einer Vase abtastet. Die Stille provoziert eine Spannung, bis wir mit vielen Fliegen an einem Krankenbett ankommen. Welche Sprache wird hier gesprochen? Und wie spät ist es eigentlich?
Wie kann eine statistische Zahl sichtbar gemacht werden? Vor allem wenn die Zahl Menschen beziffert, die auf ihrer Flucht über das Mittelmeer ums Leben gekommen sind. Mit „If I Had Land Under My Feet“ inszeniert Lotte Schreiber einen performativen Akt im öffentlichen Raum und übersetzt ihn gleichzeitig in einen Kurzfilm. In einem Raster angeordnet, besetzen 200 Menschen die Straße, bevor sie, einer nach dem anderen, aus dem Bild verschwinden. Still, aber eindrücklich, klar und in seiner Wirkung erschreckend kraftvoll, vermittelt Schreiber den Unterschied zwischen An- und Abwesenheiten und stellt eine abstrakte Masse dem individuellen Menschen gegenüber.
Los Angeles, 1996. Der Blick durch die Windschutzscheibe, verwackelt: endlose Highways, vorbeiziehende Autobahnbrücken, Fragmente einer kalifornischen Landschaft. Super8 Archivaufnahmen bilden die Grundlage für Schreibers Musikvideo, in dem sie das Stück „Air Liquide“ auf dem Album „Grain“ der Band Innode filmisch interpretiert. Die Filmaufnahmen werden zunächst fragmentiert und dann in der Montage rhythmisch verzweigt, in- und übereinander gelegt, überblendet, mit Effekten belegt, zeitlich manipuliert. Zwischendurch mischen sich Basketballplätze, das Meer, ein Proberaum, und andere flüchtige Bilder darunter, die assoziativ – wie Erinnerungen – in einer musikalischen Bild-Ton-Komposition zusammenfinden.
Don Bosco ist ein Stadtviertel an der südöstlichen Peripherie Roms. Unter Mussolini geplant, vom Faschismus geprägt, in der Nachkriegszeit errichtet, im Geiste des Wiederaufbaus und im Stil des Modernismus der 50er und 60er Jahre umgesetzt. Leistbarer Wohnraum, der seinen utopischen Versprechungen in der Realität jedoch nicht nachkommen konnte. Vor Lotte Schreiber haben sich auch Pier Paolo Pasolini in „Mamma Roma“ und Federico Fellini in „La Dolce Vita“ diesem Ort gewidmet, deren Filme sie in Zitaten hörbar macht. Erneut lotet Schreiber die Beziehung zwischen Architektur und Film in dieser präzisen Weiterführung ihrer „filmischen Kartografien“ aus.
„Normalerweise ist der Eingang hier. Normalerweise.“, erklärt die Voice-Over Stimme, während die leeren Ausstellungsräume des Tiroler Architekturforums in grafisch komponierten Bildern gerahmt und durch einfallendes Sonnenlicht, Schatten, Muster und Spiegelungen ein Stück weit abstrahiert werden. „Aber es ist alles möglich, alles denkbar, alles machbar.“ In dem gemeinsamen Film „Exhibition Talks“ nähern sich Lotte Schreiber und Sasha Pirker dem Gebäude über filmische Möglichkeitsräume an und werden dafür mit dem Diagonale-Preis für Innovatives Kino 2015 ausgezeichnet.
Ein junger Mann raucht eine Zigarette. Genauso lange dauert der Film. Am Ende hören wir ein Zitat aus Pasolinis „Freibeuterschriften“, das Schreibers Interesse an der sich fortsetzenden Überlagerung zwischen alltäglichen Ereignissen und des Geschichte des Faschismus beklemmend wirkungsvoll zum Ausdruck bringt.
In „Some Memories“ erinnert man sich. Hauptprotagonist ist das „Historische Museum von Bosnien und Herzegowina“ in Sarajevo, das an die Geschichte des jugoslawischen Sozialismus erinnert. Mit ihm erinnert die Museumsdirektorin Elma Hašimbegović an seine Entstehung, Aufgaben und Verantwortungen sowie an die großen kulturpolitischen Herausforderungen der Gegenwart. Durch kurze Porträts der Mitarbeitenden erinnert die Filmemacherin an jene Menschen, die in dieser Institution – trotz Widrigkeiten – arbeiten. Und auf formaler Ebene erinnern auch wir uns an Lotte Schreibers filmische Sprache, die über Jahre und Werke hinweg etablierte Elemente in ihrer Montage und Materialwahl bewusst wiederholt und gleichzeitig weiterentwickelt.
Skaten, Trampolinspringen, Tischtennis spielen und gemeinsames Filmemachen. Lotte Schreiber verbringt viel Zeit im Jugendzentrum der Gemeindebausiedlung Hasenleiten in Wien Simmering. Sie begleitet den Alltag der Jugendlichen mit der Kamera und erzählt die bewegte Geschichte der Siedlung anhand von historischem Bildmaterial und eingeblendete Texttafeln. Beim Abhängen im Park stellen sich die Jugendlichen ihre Zukunft vor: ob sie sich in zehn Jahren wieder hier treffen werden? Sie lachen.

Foto: © Maria Kracikova
Die Filmemacherin und Künstlerin Lotte Schreiber lebt in Wien und arbeitet zwischen Kino, Kunst, Architektur und Gesellschaft. Ihre Experimental- und Dokumentarfilme waren bei internationalen Filmfestivals wie Kurzfilmtage Oberhausen, Int. Film Festival Rotterdam, Vision du Réel Nyon vertreten, ihre Videoinstallationen und Medienarbeiten wurden bei zahlreichen Ausstellungen u.a. in der Neuen Galerie Graz, im Kunsthaus Graz, beim NSK State Pavilion bei der 57. Biennale di Venezia präsentiert. Schreibers Praxis wurde mit zahlreichen Preisen wie dem con-tempus Award (2019), Staatsstipendium für Video- und Medienkunst (2017), Diagonale Preis für Innovatives Kino (mit Sasha Pirker, 2015), Outstanding Artist Award für Avantgardefilm des Bundesministeriums für Kunst und Kultur (2011) ausgezeichnet.
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