BIG SCREENS SHATTER EASILY

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Ausstellungsansicht, Detail „Big screens shatter easily“, Galerie Oberösterreichischer Kunstverein, 2019, Foto: Lisa Truttman
AUSSTELLUNG

■ DATUM:

11.04.–15.05.2019

■ ORT:

Galerie Oberösterreichischer Kunstverein
Ursulinenhof im OÖ Kulturquartier
Landstraße 31, A-4020 Linz

■ KÜNSTLERINNEN:

Luiza Margan, Lydia Nsiah, Nathalie Koger/Wolfgang Obermair, Marlies Pöschl,
Viktoria Schmid, Kamen Stoyanov, Katharina Swoboda, Lisa Truttmann

■ KURATIERT VON:

Katharina Swoboda
Während in der Gegenwart der kleine ‚screen‘ des Smartphones im Zentrum der alltäglichen Aufmerksamkeit steht, widmet sich diese Ausstellung der Aneignung „großer“ Schirme oder Flächen. Im Englischen werden Smartphones, Computer und Fernseher als ‚screens‘ zusammengefasst, aber genauso werden damit schützende und abschirmende Flächen bezeichnet. In „Big screens shatter easily“ werden Transformation und Faltung großer ‚screens‘, wie zum Beispiel der Kinoleinwand, im Ausstellungsraum erkundet und den damit verbundenen Fragen nach machtpolitischen Implikationen von Sichtbarkeit im gesellschaftlichen Raum nachgegangen.

■ Luiza Margan: Peripheric Muscle
8 Fotografien, 2018

Margans Fotografien stellen zwei Motive nebeneinander. Auf der einen Seite wird eine Gebäudefassade mit sozialistischen Motiven gezeigt. Hier wird der Arbeiter_innenkörper und sein durch körperliche Arbeit geleisteter gesellschaftlicher Beitrag glorifiziert. Die Fenster daneben ermöglichen Einblicke in die Privatsphäre der Menschen und legen damit andere, oftmals versteckte Formen von Arbeit offen, wie die Hausarbeit oder die Pflege. In Bezug dazu vollführt Luiza Margan performative Bewegungen innerhalb der industriellen Fenster der alten Leica-Manufaktur im Wien. Heute befinden sich in dem Gebäude Künstler_innenateliers, so auch das Atelier der Künstlerin. Margans Aktionen korrespondieren mit den Darstellungen der Arbeiter auf dem sozialistischen Relief. In der Kombination beider Themen ensteht ein visueller Dialog über die unsichtbaren Aspekte künstlerischer Arbei, dem Prekarität kultureller Arbeit und der gesellschaftlichen Wahrnehmung dieser Praktiken.

■ Lydia Nsiah: burnt in
3 prints, 2017

Nsiahs Serie burnt in (2017) ist aus ihrer Filmarbeit distortion (2016) entstanden und bedient sich der zeitgenössischen Laserprint-Technologie. Materialbasis sind DVD-Kompilationen von (großteils kanonischen) experimentellen, ephemeren und Animationsfilmen. Deren Kopierschutz-Enkodierung erzeugt beim Vervielfältigen digitale Artefakte (Glitch), die nun Bildfindungen von Marcel Duchamp oder Fernand Léger in eine Entstaltung zweiter Ordnung überführen. In der Ausstellung werden die Papierarbeiten als lichtdurchlässige Screens präsentiert und somit im Dazwischen von Flüchtigkeit und Kanon sowie digitaler Kopie und analogem Original eingebrannt.
Lydia Nsiah lebt und arbeitet in Wien, und unterwegs. Sie studierte bildende Kunst sowie Film- und Medienwissenschaft in Wien, Berlin, Montreal und Amsterdam. Als Künstlerin und Forscherin beschäftigt sie sich mit Leerstellen und Zwischenräumen mittels Film, Fotografie, Text und Installation. Ihre Themen sind Vergessen und Erinnern, Fehler und Error, Filmkunst und Gebrauch. Ihre Arbeiten werden international gezeigt und publiziert.

■ Nathalie Koger und Wolfgang Obermair: Sleep is the crawling of human into itself
Rauminstallation, 2018

In ihrer installativen Gemeinschaftsarbeit schaffen Koger und Obermair ein experimentelles Setting, das Sinneseindrücke wie Berührung und Wärmeempfindung mit einbezieht. Aus selbstgefertigten Yogamatten, thermochromatischen Farben und skulpturalen Stoff- und Silikonelementen werden materielle Schnittstellen geschaffen, wo das „Formgedächtnis" des Materials mit den menschlichen Sinnen interagieren kann. Schlangenartige Objekte bilden dabei das Scharnier zum kollektiven Körper der Ausstellungsbesucher*innen. Koger und Obermair beziehen sich dabei inhaltlich auf Fragen zu Ängsten und Wohlbefinden aus den sogenannten „Screeningtests", wie sie in der Psychologie verwendet werden.

■ Marlies Pöschl: „The street was like a drive-through cinema, the images came to live through her movement“. Notes on „Cinema Cristal“
Rauminstallation, 2019

Die Laleh Zar-Straße im Zentrum Teherans war früher bekannt für ihre zahlreichen Kinos. Heute ist das Bild geprägt durch eine Vielzahl von Leuchtkörpern, die in den Geschäftslokalen entlang der Straße zum Verkauf angeboten werden. Der Fluss der Bilder, das Kino, scheint infolge der Iranischen Revolution aufgebrochen in viele einzelne Lichtquellen. Eine Frau schiebt ihre Mutter in einem Rollstuhl die Straße entlang, als würden sie gemeinsam einen Film drehen, jedes Fenster eines Geschäfts wird zum Kader, die Straße gleicht einem Drive-Through Cinema. So wie diese Installation - eine räumliche Adaption von Marlies Pöschls Film Cinema Cristal(2017) in der die Bilder des Films auf ihre „Lichtverhältnisse“ hin befragt werden.

■ Viktoria Schmid: A Proposal to project (in 4:3)
16mm-Film (übertragen auf mov), 2min, Ton, 2017

An den unterschiedlichsten Orten der Welt baut Viktoria Schmid Projektionsleinwände. Deren Seitenverhältnisse orientieren sich an verschiedenen gängigen und sogar fiktiven Filmformaten. Diese Leinwände werden filmisch portraitiert, wobei sich das verwendete Filmformat und das Seitenverhältnis der Leinwand übereinstimmen. In A Proposal to project behandelt Schmid den 16mm-Film mit dem Format 4:3. Die Leinwand wurde im Skulpturenpark des Djerassi Resident Artists Programms in Kalifornien aufgestellt und lädt zu naturhaften Projektionen ein: durch das wechselnde Sonnenlicht hervorgerufene Schattenspiele lassen die schemenhafte Umrisse der Bäume und der Umgebung hervortreten.

■ Kamen Stoyanov: New Piece of Art
Rauminstallation Banner und 2 Videos, 2013
Opening speech 2:15, Making Off, 5min

Stoyanov entdeckte ein unbenutztes und teils zerstörtes Billboard in einer Brachlandschaft in der Nähe des Flughafens von Sofia. Die rund 3x4m große Plakatwand wurde vom Künstler vor Ort in der ursprünglichen Position so weit möglich mit schwarzer Farbe übermalt. Das Material bewegte sich aufgrund des Windes und bildete daher eine lebendige Fläche im Gegensatz zur stillen Leinwand im Atelier. Der Künstler musste physisch auf diese Umstände reagieren und schuf eine Art „Minimal-Post-Pleinair-Aktionismus“. Hierbei entstand auch auch ein skulpturales Kunstwerk: Durch die Monochromie und die dunkle Farbe wurde das Volumen des hängenden (Kunst-)Stoffes hervorgehoben. Nach Fertigstellung der Übermalung eröffnet der Künstler in der zweiten Projektphase das neue Kunstwerk –New Piece of Art. Nun gekleidet in einem eleganten Anzug gekleidet hält er einer Rede im Stil Andrea Frasers und der institutionellen Kritik.Im Ausstellungsraum wird nun schwarze Plakat aus Vinyl erneut aufgehängt und auf die Rückseite die Aktion projiziert.

■ Katharina Swoboda: Penguin Pool
Video, 2015

Das Video zeigt den „Penguin Pool“, eine modernistische Zooarchitektur die sich im Londoner Zoo befindet. Das Video entstand aus Swobodas Beschäftigung mit zoologischen Gärten und Architekturen, die für Tiere
gebaut wurden, insbesondere mit den Architekturgruppe „Tecton“. Aufgrund der heutigen Tierschutzbestimmungen beherbergen viele der damals konstruierten Bauten der Gruppe nicht mehr die ursprünglich für sie angedachten Tiere, der Penguin Pool steht beispielsweise komplett leer. Die Besucher im Zoo sind auf der Suche nach den Pinguinen, die wenigsten sehen die Architektur. Die Besucher wurden aus dem Bild ausmaskiert, es bleibt nur die erneut an ein Modell erinnernde Architektur.

■ Lisa Truttmann: Zig Zag: Another Attempt
Rauminstallation, Collagen, 2019

Die in bunte Zeltplanen eingehüllte Gebäude im Stadtbild von Los Angeles sind zugleich Blickfang und Fremdkörper. Als Maßnahme gegen Termitenbefall werden so die giftigen Gase der Insektenschutzmittel im Inneren vor dem Entweichen bewahrt. Diese Form der screens wird als Hülle genutzt, sie sind aber weniger als Schutz, denn als schonungslose Grenze zu verstehen. Denn unter der der bunten Oberfläche finden brutalen Vorgänge der Vernichtung statt.
Vom Inneren des Gebäudes wird nun der Blick nach Außen gerichtet – das Fenster wird so selbst zum screen, die Sicht auf die Welt ist jedoch von einer dichten Plastikschicht verstellt. Als Projektionsfläche haben die Zeltplanen (engl: „Tarps”) schon für meandernde Gedankengänge in Truttmanns Essayfilm Tarpaulins (2017) gedient, weiterführende Arbeits- und Denkprozeße wurden später im Ausstellungsraum inszeniert. Im Kontext der Ausstellung ist der Fokus auf Materialität und Format gerichtet und das “Zick-Zack-Vorgehen” wird als künstlerische Strategie erweitert. Denn auch in diesem Fall ist der big screen nicht das einzige Fenster zur Welt.

■ Luiza Margan

lebt und arbeitet in Wien und Rijeka. Studium an der Kunstakademie in Ljubljana (Diplom 2006) und an der Akademie der bildenden Künste Wien (Diplom 2013). Ihre multimedialen Projekte thematisieren die Beziehungen zwischen politischen Ideologien und persönlichen Geschichten. Insbesondere untersucht hierbei, wie sozialen Machtverhältnisse den öffentlichen Raum prägen. Ihre internationale Ausstellungstätigkeit umfasst zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen. Ihre Werke wurden u.a. von der Generali Foundation Salzburg, dem Belvedere 21 in Wien, dem Tabakmuseum in Ljubljana, dem Museum für zeitgenössische Kunst in Zagreb. 2019 ist sie Stipendiatin des Schloss Solitude-Programms in Deutschland.

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■ Wolfgang Obermair 

geboren in der der Nähe von München, lebt und arbeitet seit 2004 in Wien. Arbeiten im skulpturalen Bereich, Fotografie, Installation, Video. Internationale Ausstellungstätigkeit u.a. Im HDLU Zagreb (HR), Künstlerbund Baden-Württemberg (DE), Kunstraum Niederösterreich (A), CSA-Space Vancouver (CA). 2016 Staatsstipendium für Bildende Kunst. AIR-Aufenthalte in China, Island und Nordmazedonien. Darüber hinaus kuratorische Tätigkeit etwa für den Kunstbunker Nürnberg. Seit 2017 betreibt er zusammen mit Ekaterina Shapiro-Obermair den Ausstellungsraum hoast in Wien. Obermair ist Mitherausgeber der Publikation: „Das große Moskau, das es niemals gab - Bauten der sowjetischen Avantgarde im zeitgenössischen Moskau“ (SCHLEBRÜGGE.EDITOR, 2008).

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■ Kamen Stoyanov

geboren 1977 in Russe, Bulgarien. Lebt und arbeitet in Wien. Studium an der Akademie der Bildenden Künste Wien und der Kunstakademie in Sofia. In seinem multimedialen künstlerischen Arbeiten untersucht er urbane/suburbane Räume und deren Verhältnis zum kulturellen und institutionellem Raum. Zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland, zudem Preise und Stipendien, wie zB. BKA Auslandsatelier Mexiko 2019, BKA Auslandsatelier Istanbul 2017, Otto Mauer Preis 2011, MAK Schindler Programm 2012, The Sovereign European Art Prize 2011, Kunstpreis Europas Zukunft, Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig, 2008, Preis der Stadt Wien 2007.

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