Complicit Images

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Complicit Images
Screenings and conversations on the matter of images

■ DATUM:

03.05.2024 | 19:00–21:00
04.05.2024 | 17:00–21:00

■ ORT:

Medienwerkstatt Wien
Neubaugasse 40A, 1070 Wien

■ KONZEPT UND REALISATION:

Maia Gusberti (HSLU, Hochschule Luzern), Olena Newkryta (The Golden Pixel Cooperative)

■ KÜNSTLERINNEN:

Enar de Dios Rodríguez, Musquiqui Chihying, Daphné Nan Le Sergent, Suneil Sanzgiri, Sanaz Sohrabi

■ VORTRAGENDE:

Maia Gusberti, Caitlin Berrigan
Mit Filmen und performativen Lectures befragt das Programm „Complicit Images“ die Funktion von Bildern im Kontext kolonialer Praktiken wie der Vermessung der Welt, der gewaltvollen Ausbeutung von Rohstoffen und der Aneignung von kulturellem Wissen. Die ausgewählten Positionen untersuchen nicht nur, wie solche Prozesse mit visuellen Mitteln inszeniert, dokumentiert und legitimiert werden – sie vertiefen den Bildraum. Indem sie den Bildern zugrunde liegende politische und historische Dimensionen Schicht um Schicht abtragen, etablieren sie neue Interpretationen und visuelle Handlungsräume. Die Künstler*innen und Forscher*innen laden ein, mittels Bildern über die gesellschaftliche und politische Funktion von Bildern nachzudenken, und stellen dabei dringende Fragen an die visuelle Konstruktion unserer Welt(sicht) und an unsere Bildkompetenz.

Welche Rolle nehmen Bilder bei Prozessen der Ausbeutung und Enteignung ein? Wie stellen sie die Welt als eine Oberfläche aus abbaubaren Ressourcen dar? Und wie können Bilder ihrer eigenen Komplizenschaft widerstehen? Mit Filmen und performativen Lectures befragt das Programm „Complicit Images“ die Funktion von Bildern im Kontext kolonialer Praktiken wie der Vermessung der Welt, der gewaltvollen Extraktion von Rohstoffen und der Aneignung von kulturellem Wissen. Die ausgewählten Positionen thematisieren die Komplizenschaft der Bilder bei der Eroberung von Territorien, der Repräsentation von Raubgut und der Konstruktion visueller Narrative. Dabei untersuchen sie, wie diese Prozesse durch Bilder gerahmt werden und wie die Ausbeutung materieller sowie immaterieller Ressourcen mit visuellen Mitteln inszeniert, dokumentiert und legitimiert wird. Gleichzeitig beruhen Bildtechnologien auf der Verfügbarkeit dieser extrahierten Ressourcen. Diese Verknüpfung wird im zusammengestellten Programm aus einer medien-situierten Perspektive diskutiert. Damit reflektieren die ausgewählten Filme über Herkunft und Zusammensetzung ihrer eigenen Materialität, Technologie und Geschichte, und denken mittels Bildern über die gesellschaftliche und politische Funktion von Bildern nach.
Durch die Aufarbeitung und Reaktivierung von visuellen Archivmaterialien und die Anwendung neuer Bildtechnologien erarbeiten die eingeladenen Künstler:innen eigenständige, kritische Bildpraktiken. Sie verweisen auf die (Un-)Sichtbarkeiten, die Bilder (re-)produzieren und erproben material- und mediengerechte Strategien alternativer Historiographie. Indem sie den Bildern zugrunde liegende politische und historische Dimensionen Schicht um Schicht vertiefen und abtragen, etablieren sie neue Interpretationen und visuelle Handlungsräume. Die präsentierten Beiträge sind einer experimentellen, widerständigen, ernsthaften und zugleich poetischen Reflexion verpflichtet: Die Instrumentalisierung visueller Medien wird in eine mehrschichtige, ambivalente Komplizenschaft der Bilder umgedeutet. Dadurch werden Bilder zu Werkzeugen der Selbstreflexion, der Kontextualisierung und damit der Reimagination. Nicht zuletzt stellt „Complicit Images“ dringende Fragen an die visuelle Konstruktion unserer Welt(sicht) und an unsere Bildkompetenz.

Freitag, 03.05.2024 |19:00

■ Sanaz Sohrabi: Scenes of Extraction

43 min., 2023, Kanada / Iran

„Scenes of Extraction“ spürt den technischen und sozialen Verflechtungen zwischen der Errichtung von Infrastrukturen zur Förderung fossiler Brennstoffe und der politischen Ökonomie von Bildern im Kontext des iranischen Ölgürtels in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach. Mit filmischen Collagen, bestehend aus Bildern des „British Petroleum Archive“, Luftaufnahmen und Amateurmaterial, thematisiert Sanaz Sohrabi die Methode der Reflexionsseismik, die zur Erkundung von Ölfeldern angewendet wird. Dabei deckt sie mit einem vielschichtigen Einsatz von CGI-Karten und räumlichen Renderings, die in eine I-Software eingespeist werden, Diskrepanzen in kolonialen Erzählungen auf. „Scenes of Extraction“ untersucht die Geschichte der Fotografie und Archivierungsstrategien und konstruiert dabei eine Geschichtsschreibung, die die Rolle von Bildern in der kolonialen Förderpolitik hinterfragt.

■ Enar de Dios Rodríguez: Liquid Ground

32 min., 2021, AT/ES

Der Meeresboden ist einer der letzten unerschlossenen Räume auf unserem Planeten, der Ressourcen enthält, die potenziell abgebaut werden könnten. Von historischen Illustrationen diverser Tiefseelebewesen bis hin zu computergenerierten Kartografien des Meeresbodens taucht „Liquid Ground“ unter die Oberfläche der Darstellungen in den Abgrund der Kolonisierung des Unterwasserreichs ein. Gegliedert durch drei Kinderreime, enthüllt der Film nach und nach die Komplexität eines selbstzerstörerischen Systems und entwickelt ein Gefühl des Gefangenseins in einem Teufelskreis von Konsequenzen. Enar de Dios Rodríguez greift Bilder auf, die in unsere Weltanschauung eingeschrieben sind, und bringt die visuellen Technologien hinter dem Raubbau ans Licht, die sich auf dieselben Ressourcen stützen, die aus den Tiefen des Meeres gewonnen werden.

 

Mit anschließendem Publikumsgespräch mit der Filmemacherin und Mitglied der The Golden Pixel Cooperative Enar de Dios Rodríguez

Samstag, 04.05.2024 |17:00

■ Maia Gusberti: Performativer Vortrag

20 min. + Gespräch

■ Caitlin Berrigan: Vortrag

30 min. + Gespräch

Screening

■ Musquiqui Chihying: The Sculpture

28 min., 2020

„The Sculpture“ bezieht sich auf zwei Museumssammlungen: Die kürzlich gegründete Sammlung afrikanischer Kunst des Nationalmuseums in Peking und das „imaginäre Museum“ des französischen Kunsttheoretikers André Malraux. Der experimentelle Dokumentarfilm verfolgt mit einer Abfolge von Schwarz-Weiß-Fotografien und zwei sich abwechselnden Stimmen aus dem Off die Reise der Kunstwerke zwischen dem asiatischen, afrikanischen und europäischen Kontinent.
Was geschieht mit einem Kunstwerk, wenn es aus seinem ursprünglichen kulturellen, geografischen und historischen Kontext herausgelöst wird? Und wem gehört die Kunstsammlung des „Musée imaginaire“? Indem er ein bekanntes Porträt von Malraux nachstellt, reflektiert der Filmemacher Musquiqui Chihying, wie der westliche Blick die Bedeutung der angeeigneten afrikanischen Kunstgegenstände verändert hat.

■ Daphné Nan Le Sergent: L'image extractive

20 min., 2021

„L’image extractive“ untersucht die materiellen Grundlagen von fotografischen und filmischen Bildern. Es ist eine faszinierende Reise entlang der Ökonomie, der Gewinnung und der visuellen Zirkulation von Silbersalzen – dem Material, das die dauerhafte Erfassung von Licht und Schatten erst ermöglicht hat.
Kann ein Bild auf seine eigene Geschichte zurückblicken? Kann es den zerrütteten Boden bezeugen, aus dem es hervorgegangen ist? Daphné Nan Le Sergent betrachtet die Silberfotografie durch drei Ebenen der Produktionskette: der Förderindustrie, der Aktienmärkte und der Prozesse zur Datengewinnung. Der Videoessay beginnt mit den ersten Silbervorkommen, die im kolonisierten Amerika entdeckt wurden, und spannt einen Bogen über Börsenschwankungen zu Kodaks Bemühungen um die Digitalisierung der Fotografie und Datenmodellierung als Werkzeug zur Vorhersage von Ressourcenknappheit.

■ Suneil Sanzgiri: Golden Jubilee

19 min., 2021

„Wenn wir die Bilder der Vergangenheit untersuchen, sind wir aufgefordert, im Archiv zu graben?“
Drohnenvideos von Goas Landschaft, 3D-Renderings des Elternhauses des Filmemachers und 16-mm-Filmmaterial der indischen Unabhängigkeitsbewegung. „Golden Jubilee“ nutzt das vielschichtige Potenzial der visuellen Narration und verbindet dabei unterschiedliche filmische Texturen und Erzählformen um die Geschichte eines Ortes, der von Finanzspekulationen, Mineralienabbau und Kolonialismus heimgesucht wurde, neu zu denken. Es ist der dritte Film einer Werkreihe über Erinnerung, Diaspora und Dekolonialität. Suneil Sanzgiri stellt darin die Erinnerung seines Vaters an die Begegnung mit dem „dämonischen“ Geist Devchar in den Mittelpunkt, dessen Aufgabe es ist, Arbeiter:innen, Bauern und Bäuerinnen sowie das einst gemeinsam genutzte Land von Goa zu schützen. „Schützen wovor?“, fragt der Filmemacher.

■ Caitlin Berrigan

arbeitet als bildende Künstlerin und Autorin, um Poetik und queere Science Fiction als wertbildende Praktiken mit Hilfe von Instrumenten und bewegten Bildern zu erforschen. Ihre Arbeit befasst sich mit der Komplexität der Beziehungen zwischen Menschen und anderen Wesen in Ökologien, Technologien und kapitalistischen Systemen. Sie erhielt Stipendien und Forschungsaufenthalte von der Humboldt-Stiftung, der Graham Foundation, der Akademie Schloss Solitude u.a. Ihre experimentellen Schriften wurden bei e-flux, MARCH, Duke University Press und Broken Dimanche Press publiziert. Derzeit ist sie Senior Postdoctoral Fellow an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Zuvor hatte Berrigan Vollzeit- und Gastprofessuren an der NYU Tisch, Caltech, dem Bard College Berlin, Harvard und der UMass Boston inne.

 

■ Maia Gusberti

ist eine bildende Künstlerin und Forscherin. Sie transformiert Bilder in vielschichtige relationale Räume, um die Beziehung zwischen Bild, Blick und Gesellschaft zu reflektieren. Zu ihrer Praxis gehören kuratorische Projekte wie „Complex Images“ (Kino REX, Bern) und „Choreography of the Frame“ (Kunsthalle Exnergasse, Wien). Sie studierte Kunst und digitale Medien in Wien und Critical Images in Stockholm. Sie ist Doktorandin an der LUCA School of Art und an der Hochschule Luzern – Design Film Kunst (HSLU), wo sie derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig ist. Gusberti war Artist in Residence in Kairo und Amman (Pro Helvetia), Ramallah (Al Mahatta), Paris Cité des Arts und Rom (BMKÖS) sowie Sofia (Interspace) und präsentiert ihre Projekte auf internationalen Ausstellungen, Konferenzen und Festivals.